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24 März 2009

Heute im Sonderangebot: Betroffenheit

Als Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden nimmt die große Warenhauskette Haufkof (Name von der Red. geändert) alle Ab-18-Videospiele aus dem Verkauf. Eine hervorragende Idee wie ich finde. Seit man Pistolen und Munition nicht mehr aus Kaugummiautomaten, Cornflakespackungen oder Ü-Eiern bekommt, wird ja auch niemand mehr erschossen. Das von den Medien gerne als das Crack unter den Games beschriebene Counterstrike ist übrigens schon ab 16 erhältlich. Das in der aktuelleren Berichterstattung erwähnte Crysis sogar schon ab 14. Da haben die Herrschaften in der Chefetage von Haufkof wohl nicht richtig mitgedacht. Oder einfach das gemacht, was ihre Ortsvorstände der konservativen Parteien (handelt es sich hier vielleicht sogar um dieselben Personen?!) schon seit Jahren als Allheilmittel für alle Übel dieser Welt fordern, nämlich "diese perversen Killerspiele" einfach abzuschaffen.

Was dabei nie hinterfragt wird ist, woran man ein solches Spiel denn überhaupt erkennt. Gerne wird hier reflexartig das "Töten unschuldiger Zivilisten, das auch noch belohnt wird" zitiert. Ach ja stimmt, von solchen Games hab ich auch... keins. ICH kenne mich im Gegensatz zu den Herren Beckstein und Konsorten recht gut in der Welt der Videospiele aus, und wenn ich so drüber nachdenke, war das letzte Spiel in der Art, dass ich auch nur gesehen habe, Commando Lybia. Ein C64-Spiel von 1986 - Jahrzehnte vor Littleton, Erfurt und Winnenden. Dass dann noch Zitate wie "Großmütter mit Kinderwagen und Schulmädchen bringen Extrapunkte im PC-Spiel Counterstrike" und ähnliches praktisch ungefiltert (und widerspruchslos) unters Volk gebracht werden, lässt mich sehr am Informationsstand deutscher Medien und Politiker zweifeln. Nicht zuletzt weil auch das Fernsehen gerne mit auf diesen Zug aufspringt: Da werden in Berichten Ausschnitte aus Spielen gezeigt, die z. T. längst indiziert oder in der präsentierten Version hier gar nicht erhältlich sind. So ist z.B. die deutsche Counterstrike-Version komplett "blutleer": Wenn sich hier "der Bildschirm rot färbt" ist das nur ein Blinkzeichen für den Spieler, dass jemand auf ihn schießt, sozusagen ein virtuelles "Autsch". Das große Problem hierbei: Die Medien wirken meinungsbildend bei Themen, von denen der Zuschauer keine oder höchstens eine vage Ahnung hat. So nimmt der überwiegende Teil des Zielpublikums der Öffentlich-Rechtlichen die oben genannten Szenen und Aussagen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für bare Münze: Es kommt ja im Fernsehen, muss also stimmen. In Spielerkreisen einschlägig bekannte "Experten" springen ins Rampbenlich und tun ihr Übriges, Computerspieler im Allgemeinen und Käufer von Spielen für Erwachsene im Besonderen unter Verwendung von diffusem Halbwissen an den Pranger zu stellen. Populistischen Wahlkämpfen wird hier ebenso Tür und Tor geöffnet wie den Verfassern des "Kölner Aufrufs" (eine fanatisch-totalitäre Hasstirade auf so ziemlich alle, die Videospiele herstellen, vertreiben, kaufen oder einfach nicht mit den Verfassern einer Meinung sind). Mit dem Ergebnis, dass aus der Hypothese "Spiele machen gewalttätig" im öffentlichen Bewusstsein ein Fakt wird: Und das hat spürbare Konsequenzen. So ließ zB die Stadt Stuttgart dieser Tage die dort geplante Austragung eines der größten deutschen eSport-Turniere kurzerhand verbieten: "Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen von Winnenden." Was damit ausgesagt wird ist: Die Computerspiele sind schuld am Tod all dieser Menschen - also haltet bloß die Füße still, ihr perversen Zocker. Kleines Detail am Rande: Die einzige Auflage, die die zur gleichen Zeit in Stuttgart stattfindende Waffenmesse erhält, ist die Änderung des Internetauftritts. Statt "Keine Altersbeschränkung" steht dort unter der Rubrik Besucherinfos jetzt "Eintritt ab 18 Jahre".

Zurück zur Materie: Natürlich gibt es unzählige Spiele, in denen man auf Menschen schießt. Stop, nochmal zurückspulen: In denen man auf menschenähnliche Figuren schießt. Ich persönlich kenne kein Spiel, in dem man Jagd auf real existierende Personen machen kann (die eigene Schule samt Lehrern in einem Spiel unterzubringen erfordert ein hohes Maß spieletechnischen Know-Hows und nicht zuletzt eine ganze Menge Arbeit). Wer mich jetzt der Haarspalterei bezichtigt, dem sei gesagt: Die meisten der "Menschen", die man hier aufs Korn nimmt wollen einem selbst ans Leder und sind mehr oder (eher) weniger menschlich aussehende Pixelhaufen die sich hölzern bewegen und die jeder 6-jährige von einem echten Lebewesen unterscheiden kann. (Und was ist überhaupt mit den unzähligen Robotern, Aliens und Mutanten, die ich im Laufe von 30 Jahren computerspielen ins e-Nirvana geschickt habe? Darüber hat sich noch keiner beklagt.) Und auch um die Frage "Warum spielst du solche Spiele überhaupt?" will ich mich nicht drücken: Weil es Spaß macht. "Oh Gott, töten macht dir Spaß?!?" Nein, nicht das Töten, sondern der Wettstreit, das Erringen eines Sieges in einer schwierigen Situation. Eben nicht das hirnlose Hinschlachten von wehrlosen Unschuldigen (Namen von Spielen in denen es das gibt bitte hier als Kommentar hinterlassen), sondern das Besiegen eines ebenbürtigen oder sogar überlegenen Gegners. "Ja aber warum machst du das denn nicht im echten Leben?" Ich versuche es - wie wir alle. Aber wer kann schon von sich sagen, dass er jeden Tag all seine Konflikte und Auseinandersetzungen gewinnt? Wenn ich als Ausgleich dafür abends einem schwerbewachten Drogenbaron oder einem biowaffenentwickelnden Wissenschaftler einen tragischen Unfalltod beschere - mea culpa. "Warum machst du nicht einfach Sport?" Ach halts Maul jetzt, advocatus diaboli - ich schreib dir ja auch nicht vor wie DU dein Leben lebst!

A propos Sport: Counterstrike wird von den Spielern als Mannschaftssport verstanden, und nicht als "heute leg ich mal ein paar Leute um". Den Vorwurf des "Antrainierens von Tötungsreflexen" könnte man wesentlich eher - aber praktisch ebenso haltlos - "Moorhuhn"-Spielern machen - der Ablauf ist derselbe: Gegner entdecken, zielen, abdrücken. Von den aus subversiven Spielplätzen erschallenden Rufen "Peng! Du bist tot!" ganz zu schweigen. Und was die "Ausbildung zur perfekten Killermaschine" betrifft - ich habe selbst feststellen können, dass zwischen dem Schießen mit einer 50 g wiegenden Computermaus und einer knapp 1 Kilo schweren Pistole doch ein geringfügiger Unterschied besteht.

Das Schlimmste an der ganzen Sache ist aber nicht das Verteufeln von Spielen. Sondern die irrige Vorstellung, mit einer Abschaffung bzw. einem Verkaufsstopp etwas zu erreichen. Und die blasierten In-die-Kamera-Grinser, die sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und stolz verkünden, "etwas getan" zu haben. Etwas tun ist per se ja eine prima Sache: Aber erst wenn das letzte Spiel verboten, der letzte Film indiziert, das letzte Buch verbrannt und braune Hemden wieder groß in Mode sein werden, wird man feststellen, dass nicht die Medien allein aus einem Menschen einen Amokläufer machen.

Sondern vor allem andere Menschen.

21 Juni 2008

Ja schieß' die Wand an...


Neulich in einem grün gestrichenen, 30 Meter langen Keller, irgendwo in Deutschland. Ehrfürchtig nehme ich die Heckler & Koch MP5 Maschinenpistole entgegen, nachdem mir mit ernster Mine erklärt wurde, wo das gefährliche Ende ist. Es steckt zwar noch nicht mal ein Magazin darin, aber ist es definitiv etwas anderes, eine echte Waffe in der Hand zu halten als Spielzeugpistolen, mögen sie auch noch so realistisch nachgebildet sein. Wenig später ist es soweit: 10 Meter von mir entfernt steht mein Gegner. Ein hässlicher Kerl, matschig beige und übersät mit Flecken, die wie Beulenpest aussehen. Gut, es ist nur eine mannsgroße Kartonfläche, die schon einige Treffer hat einstecken müssen, aber - in der Not beschießt der Teufel Fliegen. Ähnlich groß ist die Trefferzone, die mein Kontaktmann mir (mangels eines funktionierenden Tackers für die richtigen Zielscheiben) auf den Basiskarton gemalt hat: Durch das Visier (kein Zielfernrohr) wirkt der Kringel lausig klein. Ich stelle mich in Position, drücke den Schaft der MP5 an die Schulter wie man es mir gezeigt hat - Ohrenschutz und Schützenbrille drücken sich in mein Gesicht, leicht irritiert peile ich durch das Visier. Den Blob soll ich treffen in dem diffusen Neonlicht? Oh well, here goes nothing. Mit schwitzenden Händen drehe ich den Sicherungshebel auf "rot", lege an, Zeigefinger bewegt sich zitternd von der rechten Seite der Waffe an den Abzug. "Laaaangsam durchziehen", ertönt knapp hinter mir die Stimme des Fachmanns. Das tue ich - und mit einem gedämpften Knall und einem spürbaren, aber bestenfalls mittelstarken Rückstoß jagt das 9 mm Vollmantelgeschoss aus dem kurzen Lauf. Ich nehme die MP herunter und kneife die Augen zusammen: Gar nicht mal schlecht - 1 cm unterhalb und ein wenig rechts des Zielpunktes. Der Typ ist hin. War gar nicht schwer. Haben mich die Jahre des Killerspiele-zockens doch zu einem potentiellen Mörder gemacht? Ich schiebe den Gedanken beiseite und lege erneut an. Die beiden Spezialisten hinter mir kommentieren jeden Schuss, geben mir Hinweise, meine Nervosität legt sich zusehens, die meisten Einschusslöcher liegen mehr oder minder voll auf dem Ziel - von irgendwo hinter mir drängt gedämpft das Wort "Naturtalent" durch meinen Kopfhörer, ich habe keine Ahnung ob das ernst gemeint ist oder ob ich ballere wie eine Oma: Schließlich sagt man von der MP5 gerne, dass man mit ihr gar nicht vorbeischießen kann. "Okay, das war das Anfängerlevel - machen wirs ein wenig interessanter!" Huh? Aufstellung 5 m vor dem Ziel. DAS soll schwerer sein? "So, Szenario: Wir stehen unter Beschuss, der Trupp bewegt sich rückwärts zur nächsten Deckung - DU musst die Gegner in Schach halten!" Ich werde von hinten an den Hüften gepackt und langsam rückwärts gezogen. "Feuer, Mann, die schießen auf uns!" Verdammt, das ist echt schwerer - jeder noch so langsame Schritt (bei dem ich jedesmal hoffe nicht über die eigenen Füße zu stolpern und uns versehentlich alle zu perforieren) bringt mich völlig aus dem Ziel, den ersten Schuss gebe ich ab als wir schon 2 m gelaufen sind. So geht es für weitere 8 Meter, meine Treffer haben sich inzwischen auf über einen halben Meter um den Zielkreis ausgebreitet. Bei Meter 15 gehts wieder zurück: Stück für Stück werde ich auf das Ende der Schießbahn zugeschoben, bekomme zugerufen: "Weiterfeuern, der lebt noch!" Ich tue wie mir geheißen, jage Kugel um Kugel in den Umzugskarton-Schurken, bis wir nur noch 5 Meter entfernt sind und die MP statt einem knappen Bellen nur noch ein leises Klicken von sich gibt. Ich erinnere mich an den Drill: Waffe sichern, Magazin entnehmen und auf Munition checken, Verschlusshebel zurückziehen und die Kammer der MP prüfen: Auch leer. Puh, ich habe überlebt. Der Pappkamerad aber hat 25 neue Löcher: "Alles Brusttreffer", bekomme ich lobend bescheinigt.

Jetzt wirds sportlicher: Ich bekomme die Sig Sauer P225 in die Hand gedrückt, Standardwaffe der Polizei. Ein schweres, schwarzes Stück Metall, das dieselbe Munition verschießt wie die MP (warum musste ich bei Crysis eigentlich für alle Waffen immer spezielle Magazine finden?). Ich merke schnell, dass Pistolenschießen eine ganz andere Liga ist: Völlig verkrampft stehe ich im 45 Grad Winkel 5 Meter vor der Scheibenwand und ziehe laaaangsam den Abzug durch. Minuten zuvor musste ich noch den (wie ich ihn nenne) "Jürgen Prochnow Test" absolvieren: Auf den fast ebenen Schlitten der ungeladenen Waffe wird ein Cent-Stück gelegt (Prochnow verwendete seinerzeit eine einzelne Patrone). Ich muss den Abzug so gleichmäßig durchziehen, dass die Münze liegenbleibt während sich mein Finger bewegt und der Hammer auf das hintere Ende der Kammer schlägt. Kein Problem soweit. Als sich der erste echte Schuss aus der P225 in meinen schwitzenden, verkrampften Händen löst, trauere ich sofort der MP nach: Die hatte nämlich durch ihre Masse allein fast den gesamten Rückstoß geschluckt. Die Automatik-Pistole jedoch bockt in meinen Händen gute 7 cm nach oben, der hier deutlich sichtbare Mündungsblitz verblasst langsam auf meiner Netzhaut, ich finde mich in einer Wolke aus Pulverdampf wieder. Das wiederholt sich für 3 Magazine, während deren lautstarker Entleerung sich nach und nach abermals meine Aufregung von Schuss zu Schuss verringert, ebenso wie meine Anfängerfehler (Finger nur am Abzug haben wenn man wirklich abdrücken will, den Schlitten beim Laden der Pistole richtig bedienen weil sich die Knarre sonst verklemmt, nicht vorne in das dunkle Loch gucken wenn wider Erwarten nix rauskommt).

Mit der Munition geht mir leider auch die Zeit aus: Vor der Tür warten bereits zwei Angestellte einer Geldtransporter Sicherheitsfirma, die "zur Entspannung" ihre 6-schüssigen 357er Magnums Gassi führen wollen. Entspannt fühle ich mich keinesfalls, als ich in die kühle Abendluft hinaustrete - nur langsam baut sich der Adrenalin-Buzz in meinem Körper ab. Soetwas erlebt man nicht alle Tage, und bei weitem nicht jeder bekommt die Gelegenheit dazu. Die Reporter fragen mich, was mein Fazit dieser halben Stunde sei. Ich überlege kurz und antworte grinsend: "Ich kann mich auch weiterhin Crossfire nennen!"